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"Spielzeit" am MGB

Am vergangenen Wochenende zeigte die Theatergruppe am Melanchthon-Gymnasium ihre Eigenproduktion mit dem Titel „Spielzeit“. Schon im Foyer werden die Gäste der Theatergruppe mit Tischkicker, Glücksrad und Geschicklichkeitsspielen empfangen. Beim Eintritt in die Aula eröffnen sich dann noch mehr Spielmöglichkeiten wie Badminton, Tischtennis oder der Flügel, der bespielt werden darf. Schon vor der Performance ist das Publikum also bereits Teil des Ganzen und wird auf originelle und wunderbare Weise eingefangen. Generationen spielen miteinander, werden zusammengeführt. Zeigen, lernen und haben große Freude an der persönlichen Begegnung im Spiel. 

Die einzelnen Spielerinnen und Spieler der Theatergruppe setzen dann mit Hilfe einer Loopstation den Rhythmus und den Groove ihrer lebendigen Inszenierung: Das Spiel beginnt mit einer Soundcollage aus typischen Spielgeräuschen; auch an der Technik wird „gespielt“, schnell werden die Einzelgeräusche mit Delayeffekten modifiziert. So richtig ins Spiel kommt die Gruppe dann mit typischen Einstiegsübungen für die Theaterprobe. Der Körper wird aufgewärmt, die Stimme geübt, die Präsenz und Aufmerksamkeit trainiert. Die weitere Darbietung ist äußerst spannend, denn der Verlauf der einzelnen Szenen ist kaum vorhersehbar. Der performative Charakter der Darbietung zeigt sich mehrmals deutlich: Auf der Bühne scheint echt gespielt zu werden, mehrmals spürt der Zuschauer eine Unschärferelation: Spielen die Darstellenden nun echt und müssen ihren Text z.B. bei einer Reise nach Jerusalem improvisieren oder ist das Gezeigte nur gespielt?  Das Spiel bleibt in dieser Beziehung mehrmals offen und ist so umso interessanter. Wer will denn schon das Ergebnis vorher wissen, so wie in den bekannten Stücken der großen Dramatiker? Hier hagelt es Überraschungen und regnet es spontane Einfälle. Das Publikum ist daher nicht nur Teil des Stücks, sondern emotional involviert und hoch konzentriert. Es erhält Einblicke sowohl in die Arbeit des Theaterpädagogen Sven Reinwald als auch in die gruppendynamischen Prozesse bei einer Probe. Das Publikum wird persönlich angesprochen, wird interviewt und gibt selbst Einblicke in das persönliche Verhältnis zum Spielen als solches. Warum spielt man? Ist man ein Gewinnertyp? Ist man ein guter Verlierer?

Die vielen Facetten des Spiels werden im Spiel spielerisch gezeigt. Spielfreude pur! Und doch ist das alles auf eine bedeutsame Weise ernsthaft. Die Ernsthaftigkeit im Spiel führt so zu einer auch intellektuell anregenden Performance. 

Eine Szene gibt persönliche Einblicke durch Geschichten und Erinnerungen. Da ist von Triumphen und Wutausbrüchen die Rede und das Publikum findet sich sicher in vielen dieser Beschreibungen wieder. Ein Höhepunkt ist dann der Wettstreit zwischen der Königin der Spiele (Schach) und „König Fußball“, einem Paar, wie es ungleicher nicht sein könne. Da wird munter argumentiert und kritisiert. Die Personifizierung des Schach tritt zunächst überheblich als Verkörperung von Intelligenz und Scharfsinn auf, wird später aber als Gewaltfantasie, ein einziges Gemetzel, demaskiert. Und dass der Fußball im Grunde ein primitiver Sport ist, wussten seine Gegner seit Langem. Aber trotz dieser humoristischen Einwände: Das Spielen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Manchmal scheint dies in Vergessenheit zu geraten und das Spielen als Selbstzweck gerät in Gefahr. Nicht so an diesem Abend. Das Ensemble trägt zur Rettung der gefährdeten Spezies bei und man kann mit Recht behaupten: An diesem Abend gewinnen alle.

Marc Soedradjat

Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“

Am letzten Wochenende präsentierte die Theater AG2 Shakespeares wohl beliebtestes Stück. Ein „hartes Stück Arbeit, aber lustig“, zitiert man Amateurschauspielerin und erklärte Diva Zettel (Mona Kempf), die sich selbst durch ihre Allüren zum Esel macht, um dann von dem Kobold Puck tatsächlich in einen Esel verwandelt zu werden. Dieser Puck (Annabel Klingel) strahlt förmlich, ist fröhlich, immer zu Späßen und Streichen aufgelegt, aber für die Menschen und auch seinen Herrn Oberon (Samuel Gutjahr), den Elfenkönig, ist er oft eine Zumutung. Puck bringt vor allem die Liebenden in arge Nöte. Hermia (Tina Turnwald) liebt Lysandra (Cara Giuliano), Helena (Henriette Halwas) liebt Demetrius (Valentin Braun), der wiederum liebt Hermia. Soweit die Ausgangssituation. Aber durch die Schusseligkeit Pucks entwickelt sich ein Liebesleid, das herzzerreißend ist. Helena sieht sich als Opfer einer bösartigen Verschwörung. Hermia plagt die Verwirrung der Gefühle. Sie, die sich der Liebe Lysandras so sicher war, steht auf einmal vor dem Nichts. Eins mit ihren Rollen spielen die jungen Akteurinnen und Akteure auf der Bühne alle Facetten des Leids und der Liebe durch. Dabei bringen sie sich ganz persönlich ein und wirken für das Publikum überaus authentisch. Dieses leidet mit, wünscht, hofft und bangt. Die extreme emotionale Achterfahrt, die sich Shakespeare ausgedacht hat, nimmt alle Anwesenden an diesem Abend mit.  

Unterstützt wird die dichte Atmosphäre durch die Lichtgestaltung (Sebastian Gaspar) und die Livemusik, dargeboten von drei Lehrern des MGB und Joelle Schreiber, die vor allem mit ihrer Interpretation von „Lay me down“ (Sam Smith) das Publikum verzaubert. Shakespeare wäre aber nicht der geniale Dramatiker, wären da nicht noch die komödiantischen Highlights, die der Tragik beigegeben werden. Die Aufführung der Laienspielgruppe um Squenz (Carina Hartmann), Schnock (Paula Breitschwerdt), Flaut (Svea Hagenlocher) und Schnauz (Jelina Schmalacker), die ihr Bestes geben, aber doch scheitern, ist einfach zum Schreien komisch. Derb und frech, so wie man das damals im Globe in London schon zu schätzen wusste. Wie aktuell dieses Stück Shakespeares heute ist, zeigen Oberon und Titania (Paulina Halwas), denn sie bringen durch ihren Streit die Natur völlig aus dem Gleichgewicht. Auch die Psychologie und die Emanzipation kommen in dem über 400 Jahre alten Drama nicht zu kurz, denn Theseus (Tim Markowetz) ist ein Narziss und Egomane, von dem sich die zur Heirat gezwungene Hippolyta (Jasmin Dakla) am Schluss auf ihre Weise trennt. 

Das Ensemble hat das unzählige Male gesehene Stück Shakespeares über die langen Monate der Proben zu ihrem eigenen gemacht und konnte Alt und Jung an diesem Abend zum Mitleiden, zum Nachdenken und zum Lachen bringen. Für dieses Geschenk sei den jungen Menschen auf der Bühne gedankt. 

Text und Bilder: Marc Soedradjat